[482] Vgl. André-E. Sayous, Sécrétaire général de la Fédération des Industriels et Commerçants français, "Les Grèves de Marseille en 1904"; Sayous, wie auch v. Reiswitz vertreten in ihren Darstellungen übrigens durchaus den Unternehmerstandpunkt.
[483] Allg. Ztg. 31. Aug. 04; Charles Rist (Krit. Blätter f. d. ges. Sozialwissenschaften, März 1900, p. 156) meint, die beiden großen Arbeiter-Föderationen der Dockarbeiter und der "inscrits" (gegründet 1903), hätten den Streik gewollt, um ihre junge Macht zu erproben.
[484] Musée social, Mai 04, "Chronique", p. 194, 195.
[485] Das Syndikat der Dockarbeiter hatte die Kameraden aller See-, Fluß- und Kanalhäfen Frankreichs, Korsikas und Algeriens am 1./9. 04 zum allgem. Hafenarbeiterstreik aufgefordert (vgl. Allg. Ztg. 3./9. 04).
[486] In Cette z. B. traten die Dockarbeiter schon am 1./9. in den Ausstand, an den sich am 6./9. ein Straßenbahnerstreik anschloß. Vom 5.-6. Sept streikten die Dockarbeiter in Brest, am 6. die Docker in La Rochelle und die Seeleute in Dünkirchen. Die Hafenarbeiter von Bordeaux beschlossen den Boykott der Schiffe der Cie. Transatlantique, die in den Augen der Marseiller Arbeiterschaft die Hauptschuldige war (vgl. Allg. Ztg. 2., 6., 7. Sept. 04). Selbst die Hafenarbeiterverbände der benachbarten span. und ital. Häfen versprachen, die Löschung der aus Marseille kommenden Schiffe zu verweigern (vgl. v. Reiswitz, p. 58); die Genueser Kohlenarbeiter beschlossen den Boykott aller Schiffe, die wegen des Ausstands an Stelle von Marseille Genua anlaufen würden. Die Vereinigung der Handwerker und Arbeiter von Barcelona erklärte am 4./9. ihren Anschluß für den Fall, daß der Marseiller Streik auf alle Mittelmeerhäfen übergreifen würde (Allg. Ztg. 6./9.). Die Forderungen der Arbeiter sollen an den südfranzösischen Hafenplätzen überall auf Achtstundentag und 6 Fr. Tagelohn gelautet haben (v. Reiswitz, p. 58; vgl. auch Allg. Ztg. 4., 11., 13. Sept 04).
[487] So am 3./9. die Mühlenarbeiter, Packer, Arbeiter der Ölfabriken, Fuhrleute, Angestellte der Straßenreinigung (Allg. Ztg. 5./9. 04).
Die Lage in Marseille wurde äußerst unerquicklich:[488] es kam zu Ruhestörungen;[489] die Preise der Lebens- und Genußmittel stiegen wegen mangelnder Zufuhren beträchtlich in die Höhe;[490] der Hafenbetrieb stockte;[491] Handel und Industrie wurden auf's Empfindlichste getroffen;[492] die ganze maritime Stellung Marseilles schien bedroht.[493] Auch das von Marseille aus versorgte Gebiet wurde durch den Streik geschädigt; vor allem litt Korsika unter der Unterbrechung des Seeverkehrs.[494] Natürlich lastete der allgemeine Notstand ganz besonders schwer auf den Arbeitern selbst. Sie versuchten den Druck aber dadurch zu paralysieren, daß sie abwechselnd streikten, um sich durch zeitweilige Arbeitsaufnahme während der sechs Streikwochen bei Kräften zu erhalten.[495] Speziell den Seeleuten soll auch das Verhalten des Marineministers Pelletan eine große Unterstützung gewährt haben;[496] der Minister habe nämlich einerseits den Matrosen ihr willkürliches Von-Bord-gehen nachgesehen, (obgleich dies, einer Verordnung gemäß, wie Desertion zu bestrafen gewesen wäre); andererseits habe er den mit dem Postdienst betrauten Gesellschaften wegen dessen Vernachlässigung mit Konventionalstrafen, Entziehung der Subvention und Entschädigungsansprüchen gedroht.[497] Auch die öffentliche Meinung scheint anfänglich auf Seiten der Arbeiter gestanden zu haben.[498] — Mehrere Einigungsversuche scheiterten,[499] sodaß der Streik erst am 14. Oktober mit der Niederlage der Arbeiter endete.[500]
[488] Allg. Ztg. 6./9. 04.
[489] Am 3. Sept. Zusammenstoß der Ausständigen mit den Gensdarmen, weil erstere den Wagenverkehr hindern wollten (Allg. Ztg. 5./9.); die Garnison mußte verstärkt werden (Sayous); auch in Cette und Dünkirchen ereigneten sich Ruhestörungen (Allg. Ztg. 7./9. 04).
[490] Allg. Ztg. 30./8. 04, 6./9. 04. Schon am 5./9. machte sich ein so starker Mehlmangel geltend, daß die Docker den ausständigen Fuhrleuten die Wiederaufnahme des Mehltransports gestatten wollten.