§ 15. Schweiz.

In der Schweiz wird der Generalstreik fast ausschließlich von den Anarchisten propagiert,[501] hat aber in den Gewerkschaften keinen Boden.[502] Ebensowenig Anklang fanden die vereinzelten Empfehlungen des politischen Massenstreiks.[503] Der einzige schweizerische Ausstand, der mit einigem Recht als Klassenstreik bezeichnet werden dürfte, war ein Sympathiestreik nach französischem Muster; er fand bezeichnenderweise in Genf statt.[504]

[501] Vgl. den "Weckruf" z. B. vom 28. Mai 04.

[502] So lehnte z. B. der schweiz. Gewerkschaftskongreß in Basel 1906 die "direkte Aktion" ab (vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. 522).

[503] Arbeitersekretär Grimm verwies in seinem Vortrag "Der politische Massenstreik" auf die ev. Notwendigkeit eines pol. M-streiks, z. B. zur Erweiterung des polit. Wahlrechts auf Frauen und Fremde. Das Sekretariat des Schweizer. Gewerbevereins ("Begleiterscheinungen bei Streiks") teilt mit, daß auch der "Grütlianer" den politischen Massenstreik empfohlen habe; dies dürfte aber wohl auf Irrtum beruhen, da der "Grütlianer" im allgemeinen sehr energisch gegen Anarchismus und direkte Aktion zu Felde zieht (vgl. z. B. den Artikel "Im Prinzip", 15. Juni 07, Nr. 136, 57. Jahrg.).

[504] Vgl. über den G.-str. in Genf 1902 den XVI. Jahresbericht des leitenden Ausschusses des schweizerischen Arbeiterbundes ... für das Jahr 1902, p. 4-8. Danach erklärten am 8. Okt. 234 Abgeordnete der Genfer Gewerkschaften den G-str. zur Unterstützung der (ökonomischen) Forderungen der Trambahner. Es erfolgte ein Truppenaufgebot; am 10. wurde das Streikkomitee verhaftet; das neue Streikkomitee proklamierte am 12. Okt. den Schluß des G-streiks, weil dieser "kein wirklich allgemeiner wurde, und seine Fortsetzung den Tramangestellten nichts mehr nützen konnte".

§ 16. Italien.

Auch in Italien fand die anarchistische Generalstreikidee früh Eingang. Die sozialistische Partei scheint sie ursprünglich freilich abgelehnt zu haben. Der reformistische Flügel (Turati, Bissolati u. A.), wie auch die sozialistische Parlamentsfraktion beklagten lebhaft die "Torheiten" der sog. revolutionären Syndikalisten (Labriola usw.), die seit dem Parteitag von Bologna "das Wunder der entschlossenen Tat und die Wahnidee von dem befreienden Handstreich"[505] predigten und ihre praktische Tätigkeit auf die Steigerung der "revolutionären Temperatur des Proletariats", "auf die psychologische und materielle Vorbereitung des Generalstreiks" reduzierten.[506] Derartige Theorien nahmen in den angeblich durch "Cliquen von Intellektuellen" beherrschten italienischen Gewerkschaften einen breiten Raum ein;[507] vor allem dominierten sie in der Mailänder Arbeitskammer.[508] Die sozialistische Partei lehnt heute den Klassenstreik übrigens auch nicht mehr unbedingt ab,[509] "die Hauptforderungen des Proletariats" sollen "event. auch durch den Generalstreik" erkämpft werden.[510] Aber auf dem Kongreß in Rom 1906 verwarf sie ausdrücklich "den häufigen oder übertriebenen Gebrauch des Generalstreiks", sowie "die Verherrlichung der direkten Aktion, zur Diskreditierung, nicht zur Ergänzung der parlamentarischen Aktion".

[505] Vgl. Turati, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien".

[506] Bissolati, "Die Entscheidung in Rom".