[507] Bissolati, "Die Krise in der italienischen Sozialdemokratie".
[508] Auf Anregung der Mailänder Arbeitskammer erklärte sich auch der vom 6. bis 9. Jan. 05 in Genua abgehaltene Gewerkschaftskongreß bedingungsweise für den G.-str. (vgl. Rdsch. Soz. Mh. März 05, p. 282.).
[509] Die ital. soz.-demokratische Partei hat sich ausdrücklich zum G.-str. des Jahres 1904 bekannt (vgl. Olberg, "Die italienischen Wahlen", p. 278).
[510] Olberg, "Der Parteitag in Rom".
Trotz aller solcher Kongreßbeschlüsse lassen sich die italienischen Arbeiter aber nur allzu leicht hinreißen, eine partielle Arbeitsstreitigkeit durch Sympathieausstände zum Klassenstreik zu erweitern. Die umfangreichste derartige Unternehmung, ja, einer der größten Streiks der modernen Arbeiterbewegung überhaupt,[511] war der Generalstreik vom September 1904.[512] Die Veranlassung desselben bildete das mehrmalige Einschreiten der Regierung bei Ausständen.[513] Am 11. Sept. 1904 erklärte ein Mailänder Meeting, das italienische Proletariat solle innerhalb acht Tagen mit einem Generalstreik gegen derartiges Blutvergießen protestieren, und die Mailänder Camera del Lavoro solle diesen Beschluß den übrigen Organisationen übermitteln. Die Nachricht von einem neuen blutigen Zusammenstoß zwischen Arbeitern und Carabinieri[514] soll am 15. September "wie ein Donnerschlag" gewirkt haben.[515] Inmitten der allgemeinen Erregung übernahm das Exekutivkomitee der Mailänder Arbeitskammer die ihr am 11. September angebotene Führung und proklamierte noch am Abend des 15. September den sofortigen Ausstand sämtlicher Arbeiterkategorien Mailands, sowie einen dreitägigen Generalstreik in ganz Italien.[516] Ein gemeinsamer Aufruf des sozialistischen Parteivorstandes, der Parlamentsfraktion und des "Avanti" empfahl den Arbeitern die Beteiligung "als gesetzmäßigen und würdigen Ausdruck der Verurteilung jener Regierungsmethoden, die immer wieder den Brudermord erzeugen, und als feierlichen Akt der Klassenverteidigung des Proletariats und seines Rechtes auf das Dasein."[517] Sicherlich erwarteten die Syndikalisten vom Generalstreik einerseits die Bestätigung ihrer Theorie, andererseits die Wiederherstellung der Parteieinheit[518] oder den Sturz des Ministeriums. Es ist daher vielleicht nicht ganz unwahrscheinlich, daß der "Protest gegen das vergossene Proletarierblut" ihnen nur als "causa occasionale",[519] als Vorwand zum Streikbeginn diente. Hingegen in den breiten Volksmassen dürfte doch wohl das ursprüngliche Gefühl der Empörung und Solidarität den Ausschlag gegeben haben.
[511] Olberg, "Der italienische Generalstreik", p. 19; Bourdeau, p. 432.
[512] Vgl. Allg. Ztg. 16. Sept. 04 ff.; ferner, den konservativen Standpunkt vertretend, Marazio, "Il partito socialista italiano e il governo", p. 137-164, und, den sozialistischen Standpunkt vertretend, insbes. Olberg, a. a. O. p. 18-24.
[513] Seit 1901 hatte sich die Regierung bei Streiks gewöhnlich neutral verhalten. Um so größer war daher jedesmal die Erbitterung, wenn die bewaffnete Macht bei Ausständen eingriff und Arbeiterblut vergossen wurde (Allg. Ztg. 20./9. 04), wie es z. B. in Torre Annunziata, Berra, Candela, Giarratana geschah; am 5./9. 04 wurden bei einem solchen Zusammenstoß zwei Arbeiter getötet (in Buggerru auf Sardinien).
[514] Am 13./9. in Castelluzzo auf Sizilien.
[515] Olberg a. a. O.; vgl. auch Leimpeters, "Zum Generalstreik".