Auch in Holland hängt die Generalstreik-Propaganda mit der bezeichnenderweise großenteils anarchistischen Gewerkschaftsbewegung zusammen. Domela Nieuwenhuis übte mit seinen abenteuerlichen Generalstreikplänen eine ziemlich große Anziehungskraft auf das holländische Proletariat aus.[584] Gerade der Generalstreikidee dankte die holländische anarchistische Bewegung, die "seit 1896 und 1897 fast vollständig daniederlag", Neuerweckung und neue Lebenskraft.[585] Erst das Fiasko des Generalstreiks im April 1903 gab "dem Glauben an die Wirksamkeit dieses Kampfmittels einen starken Sto?.[586]

[584] Das ungenügende Wahlrecht sei Schuld an dem geringen politischen Verständnis und also auch an der anarchistischen Disposition des holländischen Proletariats (vgl. Roland-Holst, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland", und "Zur Lage in Holland").

[585] Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 194.

[586] Dr. Gust. Mayer, "Der internationale Sozialistenkongreß", p. 446. Die Anarchisten hätten gesucht, aus dem glücklichen Eisenbahnerstreik im Jan. 1903 "für sich Kapital zu schlagen" (vgl. Gorter, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656); sie trügen auch die Hauptschuld an dem verhängnisvollen Aprilstreik.

Die holländischen Eisenbahner hatten im Januar 1903 zur Unterstützung streikender Amsterdamer Hafenarbeiter einen umfangreichen und bedeutenden Ausstand durchgeführt.[587] Der Hafenarbeiterstreik war ausgebrochen, weil die Docker den Ausschluß der Nichtorganisierten, der ihnen von den Unternehmern zuvor versprochen worden war, vergeblich verlangt hatten. Aus Solidarität mit den Hafenarbeitern boykottierten nun die Eisenbahner die von Arbeitswilligen beladenen Wagen, worauf einige Eisenbahner entlassen wurden. Da traten die Eisenbahner am 29. Januar in einen Sympathiestreik, stellten aber zugleich auch eigene ökonomische Forderungen, und zwar vereinigten sich die antiparlamentarische "Föderation" und die sozialdemokratische Gewerkschaft, die sich bis anhin bekämpft hatten, zu gemeinsamem Vorgehen. Viele Unorganisierte schlossen sich der Bewegung an. In und um Amsterdam, also auch auf den internationalen Linien, ruhte der Verkehr vollständig. Die Eisenbahner des ganzen Landes hielten sich überdies zum Anschluß an den Streik bereit. Diese plötzliche und beängstigende Verkehrserschütterung bewog die Eisenbahngesellschaften alsbald zu Konzessionen.[588] Der Sieg der Eisenbahner und der sich anschließende Erfolg des Hafenarbeiterstreiks bewirkte ein lebhaftes Wachstum der Organisationen. Unter Einfluß der anarchistischen Agitation entwickelte sich bei den Arbeitern aber auch zugleich eine starke Überschätzung ihrer tatsächlichen Macht, was ihnen in den folgenden Kämpfen noch verderblich werden sollte. Die Empörung der übrigen Gesellschaftskreise über die Wirkungen des Januarstreiks und die Besorgnis vor der Wiederholung einer solchen gefährlichen Verkehrsstockung kristallisierten sich nämlich alsbald in einer Ausstandsvorlage, die nicht nur die Schaffung einer Eisenbahnbrigade vorsah, sondern auch den Streik der Angestellten der öffentlichen Verkehrsanstalten, speziell den Streik der Eisenbahner, zur strafbaren Handlung stempelte.[589] Noch kurz vor Erscheinen der Vorlage, am 20. Februar 1903, bildete sich ein proletarisches Schutzkomitee,[590] das eine energische Agitation über das ganze Land hin entfaltete.[591] Doch weder die zahlreichen Demonstrationen, noch die sozialdemokratische Interpellation in der Kammer erreichten mehr, als eine gewisse Milderung der Vorlage,[592] deren Sieg so gut wie gewiß war. Verständnislos für die Bedeutung des parlamentarischen Kampfes, im Vertrauen auf die "revolutionäre Energie der Massen" und die im Januarstreik erfahrene Nachgiebigkeit der Gegner, beschloß nun die Versammlung der Verbands- und Vereinsvorstände, trotz der sozialdemokratischen Warnungen, für den 5. April den allgemeinen Ausstand sämtlicher bei der Beförderung von Waren und Personen beschäftigter Arbeiter. Man wollte hierdurch die Eisenbahngesellschaften zu wirtschaftlichen Konzessionen, vor allem aber die Regierung zur Zurücknahme der Streikvorlage nötigen. Der Ausstand begann auch sogleich, aber von einer Allgemeinheit der Arbeitsniederlegung war gar keine Rede.[593] Noch weniger kam es zu einer allgemeinen Verkehrsstockung, da zahlreiche Ausständige, aus Furcht vor der in Aussicht gestellten sofortigen Entlassung, schon am 7. April zur Arbeit zurückkehrten. Den Eisenbahngesellschaften standen überdies in den "Ordnungsbünden", den christlichen Gewerkschaften und im Militär genügend Arbeitswillige zur Verfügung.[594] Der Eisenbahnbetrieb wurde immer regelmäßiger,[595] der Streik immer schwächer. Daher konnte die Arbeitervertretung, als sie am 9. April mit den Eisenbahngesellschaften über die Beendigung des Streiks zu unterhandeln suchte, auch absolut keine Bedingungen stellen. Ebensowenig waren die übrigen Transportarbeiterstreiks[596] und etliche andere Hilfs-Streiks[597] dazu angetan, das öffentliche Leben und die Abgeordneten zu erschüttern. Schon begannen die Spezialdebatten über die gefürchtete Vorlage; die Zeit drängte. In dieser Not proklamierte das Schutzkomitee zur Unterstützung des bereits verlöschenden Eisenbahnerausstands den Generalstreik für alle Betriebe des ganzen Landes. Aber nur zirka 60 000 Mann folgten dem Gebot.[598] Die Hälfte hiervon stellte Amsterdam, wo sich die Wirkungen des Ausstands daher auch am meisten fühlbar machten.[599] In den übrigen Orten, wo es nur zu vereinzelten Streiks kam,[600] ergab sich überhaupt keine wesentliche Beeinträchtigung des sozialen Daseins. Ob der Generalstreik bei längerer Dauer noch an Ausdehnung gewonnen hätte,[601] ist äußerst fraglich. Zwar protestierte eine Amsterdamer Massenversammlung mit vielem Lärm gegen den Beendigungsbeschluß, den das Schutzkomitee am 10. April mit Rücksicht auf die Annahme der Vorlage (in der zweiten Kammer, mit 81 gegen 14 Stimmen) und auf das sofortige Inkrafttreten des neuen Gesetzes faßte. Doch schon am folgenden Tag meldeten sich die noch Ausständigen wieder zur Arbeit. Die Bewegung war gescheitert.

[587] Vgl. über die holländische G-streikbewegung: Gorter a. a. O.; Roland-Holst, a. a. O., und "G-str. und Sozd.", p. 121 ff.; van der Goes, "Die beiden Tendenzen in Holland und der Parteitag zu Utrecht"; Vliegen, a. a. O.; Allg. Ztg. 1903.

[588] Insbesondere versprachen sie Anerkennung der Arbeiterorganisationen; vorläufige Suspendierung der Arbeit in dem boykottierten Hafen, bei weiterer Entlohnung der dort angestellten Arbeiter und Unterhandlungen mit der Regierung zwecks Streichung der bedingungslosen Güterbeförderungspflicht aus dem Eisenbahnreglement.

[589] Diese Vorlage habe das Streikrecht von 20 000 Arbeitern bedroht (vgl. Roland-Holst, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland").

[590] Das Komitee enthielt je 2 Vertreter der Hafenarbeiter und der Eisenbahner, je 1 Vertreter des "nationalen Arbeitssekretariats", der "freien Sozialisten" und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, vorwiegend Anarchisten und Antipolitiker.

[591] Diese erreichte am 3. März ihren Höhepunkt: im ganzen Lande fanden gleichzeitige Protestversammlungen gegen die Ausstandsvorlage mit ca. 50 000 Teilnehmern statt.