Wer hätte gedacht, welche unheilvolle Bedeutung dieser Riesenkran, neben dem die anderen zahlreichen Kranarme wie Kinder wirken, noch erlangen sollte?
Es war eine unglückliche Idee von Frau Adelheid, dem schwarzen Koloß, den ihr Bruder nicht genug preisen konnte, einen Besuch abzustatten. Als einen Wahnsinn jedoch bezeichnete man es später, daß sie auf diesen Weg ihre kleine Tochter mitnahm, die gerade laufen konnte und mit ihren runden Augen recht eigenartig in die Welt guckte. Wer diesen traurigen Ausdruck, der das hübsche Kindergesichtchen so traumhaft verschleierte, gekannt hatte, meinte später, dem Kinde Frau Adelheids sei eine Ahnung seines fürchterlichen Geschicks schon von Geburt an mitgegeben.
Kann man es aber der tapferen kleinen Frau Joachim Beckers verdenken, daß sie ihrer Tochter einen Eindruck von dem gigantischen Werk ihres Vaters vermitteln wollte? Sie verstand zwar noch nichts davon, sie plauderte in einem reizenden Kauderwelsch und war so ahnungslos, wie man es mit zwei Jahren noch ist. Doch sie könnte zuweilen fragen, ach, Kinder fragen so oft, sie fragen zum Beispiel nach ihrem Vater. Dann könnte sie also antworten:
»Der ist dort, wo wir neulich waren, im Hafen, wo das viele Wasser ist und der große, große schwarze Zeiger!« Das würde sie verstehen. Darum nahm sie ihre kleine Tochter mit, als der vom Hafen fiebrig erfüllte Dr. Friemann ihr keine Ruhe mehr ließ.
Felix Friemann ist mit allen seinen Gedanken und Gefühlen im Hafen. Er könnte in einem prächtigen schloßartigen Hause bei seinen Eltern wohnen, er hätte sogar das Geld, auf einer Jacht im Mittelmeer zu kreuzen, aber er schlägt seine Sommerwohnung im Hafen auf und läuft immer noch einer kleinen standhaften Fürsorgeschwester nach. So ist der Mensch mit allen seinen Widersprüchen!
Schließlich muß er wohl selbst am besten wissen, was ihm gefällt. Es macht ihm nun einmal Spaß, im Sommer eine Stunde früher aufzustehen und vor der Hafenwirtschaft zu promenieren, damit er als erster der frisch gewaschenen und geputzten Schwester Emmi mit den Lackschuhen begegnet.
Zuweilen fällt doch ein Lächeln und ein freundliches Wort für ihn ab, denn an manchen Tagen funkelt die Sonne gar zu blank über dem Hafen mit seinem Wasser und der herrlichen Weite, so daß eine Fürsorgeschwester ihren Frohsinn siegen läßt.
Dann kann sie ein Liedchen summen oder die Arme recken, daß alle ihre zierlichen Formen sich unter dem hellen Kleide abzeichnen, und in den Frühlingstag hineinjubeln:
»Ach, es gibt nichts Schöneres als Sonne im Hafen!«
Das ist ihr zweiter Hafenfrühling, und drei Jahre ist es her, seitdem an einer langen Tafel unter den Linden der erste Spatenstich gefeiert wurde. Daran hatte Schwester Emmi noch nicht teilgenommen, aber für das Fest der Einweihung erträumt sie sich schon ein Kleid, einen Hut und Schuhe, die den Staat aller vornehmen Damen in den Schatten stellen sollen. Die Frau des Generaldirektors mit eingerechnet, denn Schwester Emmi hat gelegentlich festgestellt, daß Frau Adelheid ungeschickte Füße habe.