Zuweilen kann Schwester Emmi zwar noch ihrem treuen Anbeter, dem Dr. Friemann, schnippische Antworten geben und ihn streng ersuchen, sie in Ruhe zu lassen. Sie ist sogar so grausam, sich über seinen Sprachfehler lustig zu machen.

»Ist der Kapitän schon da, der Kapitän —« fragt sie ihn zum Beispiel mit spöttischem Augenblitzen.

Er aber blickt sie nur mit seinen Friemannschen Lichtern traurig an, und sein gesenkter runder Kopf auf dem langen dünnen Körper ist dann wahrhaftig so trostlos wie eine Gaslaterne, die am hellichten Tage brennt.

Aber einmal sagte Schwester Emmi: »Bitte sehr, wenn Sie etwas von mir wollen — ich bin noch unverheiratet!«

So, das war geradeheraus gesagt! Es fiel ihr nicht ein, sich aus purer Gutmütigkeit noch einmal zu opfern. Dafür waren ihre Erfahrungen zu teuer erkauft.

Warum sollte sie nicht Frau Dr. Friemann werden, wenn sie seiner Liebe würdig war? Ist sie vielleicht geringer oder weniger klug als diese lächerliche Bohnenstange? Oh, sie hat so wenig Achtung vor ihm, wie man es von der Frau, die einen Mann seines Geldes wegen heiratet, nur erwarten kann. Sie ist fest davon überzeugt, daß sie aus diesem Manne noch etwas machen könnte, wenn es einmal soweit wäre. Sie würde schon seine Schätze würdig repräsentieren. In solch einem Anzuge und mit diesen Krawatten dürfte er dann auf keinen Fall mehr herumlaufen! Was ihren Toilettenaufwand aber betraf — Nun, das fällt in das Gebiet ihrer heimlichsten Träume, die sie keinem offenbart.

Ob der Dr. Friemann nicht eine gewisse Absicht damit verband, wenn er Frau Adelheid durchaus in den Hafen lotsen wollte und noch dazu mit dem Kinde? Es wäre eine so zwanglose Gelegenheit, sie mit Schwester Emmi bekanntzumachen, um einen Bundesgenossen in der Familie zu haben, denn wenn er sich Schwester Emmi neben seinen Eltern vorstellt, so wird ihm doch himmelangst. Felix Friemann hat durchaus alles berechnet, er denkt sogar daran, daß Schwester Emmi bei Kindern sehr beliebt ist; sie würde sich also im Verkehr mit Frau Adelheids kleinem Mädchen besonders vorteilhaft ausnehmen.

So kommt Frau Adelheid in den Hafen und zum großen unerbittlichen Kran.

Der Kapitän empfängt sie am Wagenschlag und hilft ihr beim Aussteigen. Dann hebt er ihre kleine Tochter heraus. Er faßt sie behutsam um den schmalen Körper und spürt ihren frischen Atem, den unvergleichlich liebreizenden Duft gepflegter Kinderhaut.

Was mochte in diesem steifbeinigen Kapitän wohl vorgehen, als das zarte Gesicht dabei seinen Kopf leise streifte? Ob er nicht auch zuweilen an weiche Kinderhände gedacht hatte, als er im letzten Winter so einsam und frierend hier hockte und so viel Hoffnungen auf den neuen Frühling und das Ende einer langen Reise setzte?