»Wir sind da«, hört sie eine fremde Stimme. Krankenschwestern beugen sich zu ihr herab. Sie fühlt sich hochgehoben, durch die warme Luft einer hellen Straße getragen.
Ganz deutlich verfolgt sie nun den Weg durch die dämmrige Kühle des Flurs. Türen werden geöffnet, ein Fahrstuhl bewegt sich aufwärts. Es ist schön, still zu liegen, ohne Gefühl, ohne Gedanken. Nur die Augen sehen, die Ohren hören.
»Wie kühl sind die Betten, Mutter«, sagt sie, behaglich ausgestreckt, ohne Wunsch und Willen.
Der Arzt beklopft ihre Wangen mit väterlicher Geste.
»Na also«, vernimmt sie seine gesunde kräftige Stimme. »Wir wollen ihr bis morgen früh Ruhe lassen. Merken Sie vor, Schwester, als erste.«
Dann versinkt sie in einen tiefen traumlosen Schlaf.
Sie erwacht von aufsteigender Kälte in ihren Gliedern. Nacht umgibt sie: Finsternis und Stille. Sie schließt die Augen und versinkt von neuem in Halbschlaf, indes das nervöse Frösteln sich unaufhaltsam ausbreitet, bis im heftigen Schüttelfrost ihre Lippen zittern, die Zähne aufeinanderschlagen.
Ihre Finger sind ohne Gefühl, wie vereist. Sie tastet zur Seite, als suche sie Wärme, Beistand und stößt hart gegen die gestrichene Wand.
Plötzlich weiß sie, daß sie allein im kahlen Zimmer eines Krankenhauses liegt. Sie entsinnt sich, daß ihre Tochter tot ist und daß man ihr morgen früh das zweite Kind nehmen wird. Vielleicht ist es der von ihnen beiden so sehnsüchtig erwartete Sohn. Nun ist er in ihr gestorben und breitet die Eiseskälte in ihrem kranken Körper aus.
Sie schreit laut auf, ihre Stimme hallt von den kahlen Wänden wider und kommt kläglich, leer zu ihr zurück.