Helles Licht blendet ihre weit aufgerissenen Augen. Eine Schwester betastet sie, fühlt ihren Puls.

»Ich gebe Ihnen etwas Heißes zu trinken, gnädige Frau. Dann werden Sie wieder warm.«

Die klare, gesunde Stimme, die körperliche Nähe eines aufrechtstehenden und schreitenden Menschen, das harte Licht über Stuhl, Tisch und Wänden schrecken den gräßlichen Nachtspuk zurück. Die Kranke sieht sich wieder als sorgsam betreute Patientin. Der Arzt vom Nachtdienst erscheint und blickt ihr in das tränenüberströmte Gesicht. Er stellt ohne Staunen fest, daß leichtes Fieber eingesetzt habe.

»Sie sollen sehen, wie Ihnen der heiße Tee gut tun wird«, sagt er leise, mit sonorem Klang. Sein Gesicht ist jung, von straffer Haut überspannt. Die Brauen sind wie ein gerader Strich über schmalen dunklen Augen. Sie erinnern Adelheid an ihren Mann.

So glatt war damals seine Stirn, als noch niemand ihre Liebe erriet, so strahlend und dunkel blickten seine Augen, von den Lidern bis zu einem Spalt verdeckt, wenn er sie lächelnd grüßte; sie, die Tochter seines Chefs, die seine Nähe suchte.

Die Schwester stützt ihren Kopf, und sie schluckt gierig den heißen Trank, den sie brennend durch den erkalteten Körper strömen fühlt.

Sie fällt in die Kissen zurück, der Arzt lächelt ihr abschiednehmend zu, die Tür klappt leise. Sie blickt erschreckt auf. Gedämpftes Licht ist im Raum, die Schwester sitzt still neben der verhüllten Lampe mit einem Buch auf den Knien.

»Sie müssen versuchen, zu schlafen, gnädige Frau«, ruft die Schwester aufmerksam herüber.

Ihr Kopf glüht; prickelnd beginnen ihre Glieder zu brennen, wie in erster Wärme nach abtötendem Frost.

Eine Erinnerung steigt auf: sie liegt frierend im Hotelzimmer und fühlt gleichfalls mählich leichtes Fieber im erstarrten Körper sich ausbreiten ...