So geht er denn mit trüben Gedanken noch ein wenig im umfriedeten Hafengelände spazieren. Die Erdwälle um die aufgerissenen drei Baugruben mit den gerüstartigen Armen der hohen mechanischen Greifer bereiten ihm in ihrer dunklen Schwere Unbehagen. Er blickt in eines der Becken hinab, in dem man schon mit der Grundwasserabsenkung beschäftigt ist, und sieht das Licht des Mondes im lehmigen Naß sich spiegeln. Nein, das sind keine Bilder für seine empfindsamen Nerven.

Er geht wieder zu Frau Reiche und hört sich ihre Lamentationen an.

»Keinen Tropfen Alkohol! Auf die Dauer — das habe ich meinem Mann gleich gesagt — kann das nicht rentabel sein. Die Arbeiter haben zuerst über die Limonaden und die Milch ihre Witze gemacht und es mit dem Malzbier versucht, aber jetzt schimpfen sie, und einer nach dem anderen geht über die Straße in die Wirtschaft und trägt dem Manne das Geld hin«, klagt sie verzweifelt.

»Aber sie dürfen doch das Gelände während der Arbeitszeit nicht verlassen. Ich werde mit den Wächtern sprechen.«

»Ach, das hat ja gar keinen Zweck. Sie gehen in der Freizeit und nach Arbeitsschluß doch hin, und neulich habe ich sogar beobachtet, wie einer ein Bierfaß auf einem Wagen mitgebracht und im Schuppen abgeladen hat. Das war bestimmt kein Lagergut, aber uns wird auf die Finger gesehen.«

Herr Gregor lächelt. »Da sieht man, wie der Durst erfinderisch macht. Der Durst und die Liebe, Frau Reiche, daran ist nicht zu zweifeln. Ich will versuchen, ob sich bei Gelegenheit wenigstens die Erlaubnis für den Bierausschank durchdrücken läßt. Doch nun werde ich müde, man geht hier eben mit den Hühnern zu Bett. Wo ist denn Ihr Mann, wieder in einer Versammlung?«

»Ach der, wissen Sie, seitdem wir die Bäckerei aufgegeben haben, ist er kein richtiger Mensch mehr. Er könnte hier ein so schönes Leben führen, aber nun hat er sich auch aufs Trinken verlegt, und weil er zu Hause nichts hat, muß er eben zu anderen gehn. — Also ich bringe Ihnen nachher noch frisches Wasser hinauf, die Herren Bauräte wollen schon zahlen«, flüstert sie, während sie die prallen weißen Arme über der Brust verschränkt. —

Herr Gregor hat lange keine Gelegenheit, das Alkoholverbot bei Joachim Becker zur Sprache zu bringen. Zuviel wichtige Dinge liegen vor, die den jungen Direktor bis in den späten Abend beschäftigen und sein ungeduldiges Wesen allmählich schwer erträglich machen.

Sein Sekretär ist längst nicht mehr über alle Vorgänge unterrichtet. Es werden neue Ressorts besetzt, andere verantwortliche Kräfte herangezogen, die Aussicht haben, aufzusteigen, während der junge Herr Gregor nur ein Handlanger bleibt. Seine Einkünfte sind nicht geringer, seine Machtstellung nach außen bleibt unbeschränkt — man bemüht sich um seine Gunst —, aber er ist nicht zufrieden.

Eines kleinen Triumphes konnte er sich heute unvermutet erfreuen, er vermochte seine Genugtuung darüber schwer zu unterdrücken. Da hatte man nun wochenlang Konferenzen mit den Bauräten und fremden Kommissionen im engen Kreise abgehalten: geheimnisvolle Pakete wurden von den Herren persönlich gebracht und wieder mitgenommen, auf dem langen Konferenztisch waren Brocken von Erde und Steinen zurückgeblieben. Sie glaubten, ihr Geheimnis gut bewahrt zu haben, und heute stand es in der Zeitung.