Schwester Emmi ist durch den Trank offensichtlich gestärkt. Sie erhebt sich schwankend und sagt mit einem kleinen Rundblick: »Ja, es war heute ein besonders schwerer Tag.«

Frau Reiche hat allzulange den Wunsch gehabt, über die Ereignisse in der Mühle unterrichtet zu werden; darum kann sie es auf keinen Fall zulassen, daß dieses arme schwache Geschöpf sich schon allein auf den Weg begibt. Sie gießt ihr eine Limonade ein und setzt sich mit an den Tisch. Ihr volles blasses Gesicht ist von angespanntester Aufmerksamkeit erfüllt.

Schwester Emmi muß sich schließlich zu kleinen Konzessionen herbeilassen, aber sie äußert sich so vorsichtig wie nur möglich. Als Herr Gregor ein paarmal den Namen Pohl gehört hat, beendet er seine Mahlzeit. Wie es dem kleinen Fräulein nun gehe, fragt er, während er Frau Reiche das Abendbrot bezahlt. Dabei neigt er den schmalen Rücken, daß seine schwarzen Augen verwirrend nahe über Schwester Emmi leuchten.

»O danke, es ist bedeutend besser.« Sie behauptet, nun gehen zu müssen. »Aber wird man mich auch herauslassen?« fragt sie schelmisch lächelnd.

»Ohne meine Begleitung sicher nicht«, meint Herr Gregor. Und sie machen sich auf den Weg.

»Kommen Sie nur herüber, wenn Sie sich einsam fühlen«, sagt Frau Reiche zum Abschied. »Der Herr Gregor wird es schon erlauben.«

Weil die Luft sehr mild und anregend wirkt, gehen die beiden noch einige Minuten am Kanal spazieren.

Als Schwester Emmi in ihrem Zimmer angelangt ist und die Selterflasche weggestellt hat, denkt sie, daß sie zwar noch nicht viel erreicht habe, aber es beständen doch allerhand Aussichten durch die neue Verbindung.

Nun ist ihre Arbeit in diesem Hause bald beendet, und das Wanderleben beginnt von neuem. Welche reizbare Dame und welcher krebsrote Säugling mochte nun auf sie warten? Nein, dann wäre es doch besser, wenn bei so einer großen und mächtigen Firma irgendein Posten für sie geschaffen würde und ihr Freiheit und Beständigkeit gäbe. Es geht nicht mehr an, daß man in den Tag hineinlebt, ohne ein wenig an die Zukunft zu denken. —

Herr Gregor ist von dem Abend wenig befriedigt. Es langweilt ihn doch allmählich, seine Tage in Frau Reiches Gesellschaft zu beschließen, während draußen das Leben auf ihn wartet. Frau Reiche ist ohne Zweifel eine sehr adrette Frau, und ihre feuchten Augen sind nicht zu verschmähen, aber wenn man von der Kultur des Zeitalters bis in die Fingerspitzen erfüllt ist, bleiben eine Kantinenwirtin oder eine kleine wasserstoffblonde Säuglingsschwester nichts weiter als Surrogate.