Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur das Geräusch der schreibenden Feder, und wie das Papier [pg 201]knitterte, oder das Feuer im Ofen lustig knackte und knisterte.
Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt bei seiner Arbeit sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm zuvor. Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte ihn wieder aus seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte nämlich ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt gewesen, daß er dasselbe erwidere.
Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals den Kopf geschüttelt und seine Bartspitze so zusammengedreht, daß man sie hätte durch ein Nadelöhr einfädeln können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an diesem Tage – zwei unglückliche Lieben!
Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der Schwester und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen erfuhr der Professor, daß Marianne krank im Bett liege, daß man einen Arzt habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung konstatiert und größte Ruhe anempfohlen habe.
„Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen Liebe!“ rief Ruth laut jammernd aus.
„Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrückten Romanen vor, aber im Leben nicht,“ entgegnete Onkel Heinz.
„Sie ist aber so elend.“
„Wird sich schon wieder erholen.“
„Glaubst du wirklich?“
„Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,“ redete er ihr liebevoll zu.