„Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts,“ fing er wieder an.

„Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch,“ sagte Ilse ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.

„Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, daß dieser tiefer liegt und wieder Blut ins Gehirn kommt. [pg 199]So ist es recht! Alles Beengende haben Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da gibt es doch nichts zu jammern,“ rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres Heulkonzert aufführten.

„Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,“ konnte Ilse trotz ihrer augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte.

„Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich man hat kein Gefühl,“ erwiderte er ruhig.

Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, Marianne zärtlich auf die Backe klopfte und sagte: „Na, Kröte, wie geht’s denn? Was machst du aber auch für Geschichten!“

Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein gekommen war, blickte sie erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.

„Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?“ rief Thusnelda mit Stentorstimme, – einem Erbteile des Vaters – und trat mit der Schwester herzu. Der Professor drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie schweigen möchten, zurück.

Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten Schmeichelnamen, Ruth kniete leise weinend vor [pg 200]ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor wurde bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er Weibertränen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf einmal sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flüchtiges Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm innig die Hand. –

Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte, betrat er sie mit einem angenehmeren Gefühl, als er sie verlassen hatte. Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben stattgefundenen Szene bei Gontraus. „Ja, ja, so etwas würde auch vorkommen,“ schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespräche antwortete er darauf: „es ist schon besser so.“ Er hatte seinen Pelz abgezogen und hielt die kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer Gesellschaft fühlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.