„Willst du wissen, was ich wohl möchte?“ fragte Ruth nach einer kleinen Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. „Willst du es wissen? Ich möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, ich möchte – eine Künstlerin werden.“

Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt hatte sie diese Worte ausgerufen.

„Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was eine Künstlerin ist?“ fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ nicht gerade in der schmeichelhaftesten Weise betonend.

Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an mit höchst wichtiger Miene.

Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:

„Siehst du, Onkel, hier – hier –,“ sie zeigte auf ihr Herz, „da ist es oft so komisch, so – ich weiß nicht wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas heraus, als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich und unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann wird’s mir leichter, dann kommt es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der Erde, als trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann denke ich edel – dann – dann wird mir erst wieder wohl – ich kann dir gar nicht beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche Freude [pg 204]an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig.“

Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kröte! Dieses Kind! Solche Redensarten konnte es machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind kein Kind mehr war, daß es eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kröte noch immer schweigend und so prüfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male. So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das kleine Mädchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das plötzlich über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreißen.

„Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?“ bemerkte sie lächelnd.

Da erwachte er aus seinen Gedanken.

„Hm!“ brummte er nur und fuhr sich über seine Stoppeln, das sollte so viel heißen, als: es ist nun einmal so.