„Onkel Heinz,“ fing sie wieder an und schmiegte [pg 205]sich in zärtlicher Vertraulichkeit an ihren alten Freund. „Ich habe eine große Bitte an dich, aber – du mußt mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.“
„Da werde ich mich schön hüten,“ warf er ein und lächelte spöttisch. Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein Frauenzimmer fertig bringen.
„Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?“ fragte er aber dennoch.
Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß er wie gewöhnlich nicht widerstehen konnte.
„Onkel Heinz,“ kam es etwas zaghaft und zögernd von ihren Lippen, „wenn du doch nur mal mit den Eltern sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und siehst du,“ fuhr sie leidenschaftlich fort, „ich möchte so gern etwas Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, will mir so viele Mühe geben, will ganz und gar nur der Kunst leben.“
„Das ist ja Unsinn,“ sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach ihn ernsthaft.
„Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt.“
Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Tränen stiegen ihr in die Augen, und das – das konnte er nun einmal nicht sehen.
„Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch [pg 206]immer gleich flennen müßt,“ sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die wellig gescheitelt bis tief in die Schläfen fielen und das feine, schön geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen ließen. „Aber das mit der Künstlerin schlage dir nur aus dem Sinn,“ fuhr er fort, „das geht nicht, das geht auf keinen Fall.“
Sie sah ihn bittend, fast flehend an.