Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen Augen widerstehen können! Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch abwandte.

„Lieber Onkel Heinz.“

Er antwortete nicht.

„Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!“

Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er schließlich nachgab – er konnte der Kröte nun einmal nichts abschlagen.

„Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!“ rief er laut.

Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich sträubte, heimste er doch den Kuß – den versprochenen Lohn – gern ein. –

Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. Marianne lag krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder erheben, geistig und körperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der unermüdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, daß die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, weil ihre Ansichten über diesen Punkt so weit auseinander [pg 209]gingen, so überzeugte sie sich jetzt von dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie früher manchmal herrschsüchtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer, zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach natürlich bei allem, was der Arzt verordnete, wußte alles besser, tröstete aber Ilse, wenn sie niedergedrückt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten gewohnten Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.

Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und Leo erzählte, hatte er kürzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt, weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches Gefühl hervorgerufen haben würde.

Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte Onkel Heinz sein Versprechen, das ja durch den Kuß von Ruth besiegelt worden war, einlösen. Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie ihre Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der Prüfung für sehr bedeutend erklärt wurde, sollte sie eine künstlerische Ausbildung erhalten. Mit Fleiß und Liebe, [pg 210]und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.