Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich war sie ganz hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu entfalten, allmählich, ganz allmählich gesundete er. Den zarten Blütenhauch aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches Lachen ertönte nicht mehr so oft wie früher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal, aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war glücklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden Kröten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke der alten Meister zu zeigen – er war ein geschworener Feind der modernen Malerei, über die er mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden [pg 211]hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzählte es später Ilse voller Stolz.

Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen trüben Tagen eingezogen war und die Bäume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an schönen Eindrücken und Erlebnissen. Mit noch größerer Begeisterungsfähigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber hatte frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so daß ihr die Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde erschien, wie es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen denken, wie an einen fernen lieben Freund.

So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis es wiederum Herbst war. – Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz vergessen ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen Sonnenscheine wurde das Herz von Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen strömten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schönen Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.

An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten Wald. Die klare Luft war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, roten und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen Zelte über ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und wann flatterte, durch einen [pg 212]Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und leicht vor ihre Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne erst jetzt die Zeit des Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknüpfte, locker hingen alle die buntgemalten Blätter an den Zweigen, und nur unter dem warmen Kuß der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten sich im Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit würde mit einem Schlage vorbei sein, wenn das allmächtige Himmelslicht droben hinter Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr und daran rüttelte – dann begann mit einem Schlage das große gewaltige Sterben. Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite. Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für den herzerquickenden Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschäftige sie etwas lebhaft.

„Wenn nur alles gut geht,“ sagte sie seufzend zu dem Professor.

Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete:

„Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig gelernt, die kann ja was.“

„Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung und Fleiß allein kann das [pg 213]nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen. Nun, was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer wieder davon zu überzeugen, mit wieviel Kämpfen und Schwierigkeiten der Beruf einer Künstlerin erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt, sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als auf Erfolge, denn guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, für eine tüchtige Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sängerin fertig ist, dauert es lange.“

„Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tüchtigem, das weiß ich,“ versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als könne daran nicht mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.

„Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,“ meinte Ilse und holte tief Atem.