„Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie es auch nicht nötig, liebe Frau Gontrau,“ sagte Onkel Heinz und legte einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.
Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, destomehr befestigte sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das man hüten muß wie einen großen Schatz. Sie hatte in [pg 214]ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie oft genug in sich ging, über sich nachdachte, fortwährend selbsterzieherisch tätig war und sich immer mehr daran gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das ungebändigte Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an seiner Seite schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit beschäftige, wie wohl das Konzert ausfallen würde, in welchem Ruth heute abend zum ersten Male öffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb beschloß er, ein neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber nach, auf welche Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke Seite.
„Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,“ fing er dann plötzlich an, „bei Superintendents ist man wohl überglücklich, daß der Ausreißer wieder da ist? Ist übrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei mir.“
„Ja,“ entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, „Gott sei Dank, daß er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.“
„Ja, ja, die selfmade men, das sind die besten,“ warf Onkel Heinz ein.
„Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?“ fragte Ilse.
„Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich sehr interessiert. Der Junge hat übrigens viel Glück gehabt, denn da drüben gibt’s nur zweierlei, entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der Germania, auf welcher sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich für ihn so lebhaft interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die denken freier als wir; ich bin ja lange drüben gewesen und kenne die Verhältnisse genau. Daß der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute eben gar nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem Geschäft gebrauchen könne, na, und da war die Sache bald abgemacht.“
„Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,“ warf Ilse ein. „Er hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, und bloß, [pg 216]weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache des Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er nicht tun sollen.“
„Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig von ihm,“ widersprach Onkel Heinz, „so wird das da drüben gemacht, da kennt man keine Sentimentalitäten. Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte Zeiten muß der selfmade man auch mit in den Kauf nehmen, das gehört dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone.“
„Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause in San Franzisko eine brillante Stellung haben. Rosi erzählte mir strahlend davon,“ meinte Ilse.