„Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wäre, unter den spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,“ gab Onkel Heinz zur Antwort.
„Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre hindurch,“ wandte Ilse vorwurfsvoll ein.
„Da hatte er ganz recht,“ unterbrach sie der Professor von neuem; „er wollte erst was ordentliches werden. Und für Ihre Freundin Rosi war diese Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der hätte ganz anders behandelt werden müssen.“
„Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafür büßen müssen; für die ganze Familie waren es schreckliche Jahre,“ erwiderte Ilse.
„Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn gern leiden, nur müßte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach – wie überhaupt alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß mich der Himmel vor einer Frau bewahrt hat,“ neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit einem pfiffigen Seitenblick auf sie.
„Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?“ rief Ilse lachend.
Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie er darüber dachte.
„Sind Sie denn nun ruhiger?“ fragte er nach einer kleinen Pause, während sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: „Na, sehen Sie wohl, wie gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls viel besser als Ihr altes Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, Gott sei Dank, noch verhindern konnte.“
„Aber das war doch kein Zuckerwasser,“ berichtigte sie lachend, „das war ja Bromkali –“
„Weiß schon, weiß schon,“ unterbrach er sie schnell. „Ich kenne das Zeugs alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder Zuckerwasser. Ver[pg 218]schonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das kann ihr eher schaden als nützen.“