„Nein, nein, das geht nicht,“ erwiderte sie. „Fritz muß arbeiten, er hat wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler,“ wiederholte sie noch einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen Stoß, damit er etwas sagen solle.
„Ja, Fritz,“ begann der Pastor, indem er sich räusperte, – er tat dies immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, – „wie kommt denn das?“
„Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnügen,“ antwortete der Junge offen.
„Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,“ fuhr Rosi auf, „aus Fritz wird nie etwas werden.“
„Nun, nun,“ lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten das Blut ins Gesicht stieg, „das wollen wir nicht hoffen.“ Und er strich ihm beruhigend über das blonde Haar.
Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, daß Fritz streng behandelt werden mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß aus ihm nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefühl im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr Brötchen verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen Augenblick still sitzen. Doch es war auch keine Kleinigkeit für ihn, hier in der Stube zu hocken. Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf, schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn ärgern wollten; blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die Kaffeezeit durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von einem Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das Präsentierbrett und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte schnell hinaus.
„Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,“ begann Rosi das Thema wieder, unbekümmert um Elisabeths Gegen[pg 25]wart, die sich im Vollgefühl ihrer Tadellosigkeit sonnte; sie wußte genau, daß sie viel besser war als der Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.
„Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,“ beschwichtigte der Superintendent; „wenn du so viel tadelst, untergräbst du sein Ehrgefühl. Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir geworden.“
„Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig; tadle ich ihn wohl zu viel, Tante Emilie?“ fragte Rosi diese erregt.
Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das „Nein“, das sie hervorbrachte, klang so dumpf, als käme es unter dem Tische hervor. Aber das Gespräch fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden um den Finger legte und dabei etwas länger zögerte wie gewöhnlich, so war dies ein Beweis, daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern aufs höchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das Geschirr abzuräumen begann, inne und hörte andächtig zu.