Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten, nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch größer, jedenfalls sahen große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken vielfach belächelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt daran sehen.

„Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!“ wehrte Onkel Heinz sie mit seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mögliche Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls stürzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab, schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und stehen blieb, um auf die übrigen zu warten.

Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus. Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten sich schon für die Sommergäste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Türen wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den Gärten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben prangten bereits große Plakate: „Logis zu vermieten“. Nur noch wenige Wochen, und alles war für die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Türe des eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schürzen und wuschen Tische und Bänke ab. Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als die fünf einsamen Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die Höhe hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen [pg 37]einen lichtgrünen Schleier über ihnen woben, und aus dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen tönten, wie eine Verkündigung des nahenden Frühlings.

„O, wie schön! Sieh nur, Fred,“ sagte Nellie so recht aus vollster Seele und hing sich an seinen Arm.

Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stämmen ein wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.

Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu hatten sie einen großen Strauß gepflückt. Sie schmückten damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer und natürlich auch den von Onkel Heinz.

„Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick verwelkt,“ sagte er trocken, als Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.

„Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung von Blau und Gelb!“ rief Ilse.

„Kann ich nicht finden, viel zu grell,“ sagte er wieder ablehnend.

Ilse wandte sich ab.