Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten [pg 34]bei jedem Schritt wieder, den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er seinen Bart zu drehen begann, das untrüglichste Zeichen seines Unmutes.
Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus mit ihren kurz geschürzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und ab spazierten.
„Was machst du denn da?“ fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen entnahm, die sie in den ihrigen steckte.
„Fred hat zu schwer zu tragen,“ sagte sie etwas verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der Hand.
„Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, während dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?“
„Laß nur, darling, laß nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,“ erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen.
„Aber dein Mann ist doch ganz gesund,“ sagte Ilse; „ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.“
Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, sie wußte es aber besser.
„Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,“ fuhr Ilse fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen.
Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem Badeorte, von wo aus der nächtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester Stimmung zurückgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden Blick zuwarf und vergnügt mitlachte.