Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war heute noch lange nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte sie an den Fransen der Tischdecke.
Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.
„Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, daß du etwas strenger gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit Gontraus hat [pg 32]entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und von dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den Kindern lauter Unsinn treibt, was sich für einen Mann in solcher Stellung doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.“
Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und erregt wandte sie sich zum Gehen.
„Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du keine Lust dazu, nicht mal über die Kinder kann man sich aussprechen.“
Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft ins Schloß fiel, stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an.
Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz aus und fand dort für alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung über den Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines Vaters, über die Tadellosigkeit von Elisabeth und last not least, über das freie Benehmen der beiden Freundinnen. Darüber hatte die Tante schon manches gehört, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi träufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, daß andre Menschen ebenso dachten, wie sie.
* * *
Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer Spannung; das kleinste Wölkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal sah sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn wenn er sage, „es bliebe gut,“ so „bliebe es auch gut“. Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen, zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei ließ er eine längere Philippika gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe verbrochen hatte, insbesondere los. „Überhaupt welcher Unsinn, so spitze Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel werden,“ behauptete er und zeichnete einen normalen Fuß auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt hatte. Beinahe wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpönten spitzen Schuhe noch einen normalen Fuß zu haben. Doch es ging diesmal noch gnädig ab. Sie merkte, daß er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die Vorbereitungen mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen wurden.