„Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, wie Sie es doch sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten nur über alles spotten und höhnen.“
Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja [pg 49]nicht, daß dieser Hieb die Rache dafür war, daß er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung war es nun geschehen.
Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den Fensterscheiben, bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm.
Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustüre, den Kopf dicht in den Rockkragen vergraben – es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und er konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte jagten die Wolken, vom Sturme getrieben, am Mond vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen Blick für solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, daß am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwährender Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmählich wieder verschwand.
Lange noch blieb der Professor draußen.
Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saßen. Es sollte früh aufgebrochen werden. [pg 50]Onkel Heinz war nicht in der besten Laune, er sagte, daß er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. Die Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Läden dumpfig gewesen, und als er sie geöffnet habe, hätten sie geklappert, und das helle Mondlicht hätte ihn gestört.
„O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,“ sagte Nellie; „sehen Sie doch, wie schön es draußen ist.“ Und sie zeigte hinaus in den goldenen Frühlingsmorgen.
„Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht geschlafen,“ erwiderte er mißmutig.
„Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße zuerst aufgestanden?“ fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.
„Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur zu wiederholen.“