Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame Stille herrschte ringsumher.

„O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!“ sagte Nellie.

„Sie würde uns für verrückt halten,“ meinte Fred.

„Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal für verrückt,“ erwiderte Onkel Heinz. „Wenn es nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, goldner Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders.“

Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte man nicht nach dem Äußeren [pg 47]beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu lernen, mußte man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen. Doch heute fühlte sie sich sehr geschmeichelt, daß der sonst stets absprechende Professor Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte aber auch das härteste Gemüt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der sie ganz erfüllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.

Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken den Giebel eines Hauses auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf welchen das Mondlicht bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein großer Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rüttelte an den Holzläden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen lag schon alles im tiefsten Schlummer. Die Türe war verschlossen, und erst, als man eine Weile mächtig dagegen gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im Hausflur hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen und doch so späten Gäste mußten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen, bevor es gemütlich wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl [pg 48]sein im hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken, dem eine wohlige Müdigkeit folgte. Doch diese währte nicht lange, denn Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den übrigen. Sie sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges durcheinander, war sprudelnd, lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureißen.

Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, dem die Partie so gut zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte, durch das Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten Kognak.

Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die Scherze der übrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die Krone auf, als er schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die Urheberin dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem Beifall aufgenommen wurde.

„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch sein können, Onkel Heinz,“ sagte Ilse, als sie sich für diese Aufmerksamkeit bedankte, und um ihre Mundwinkel zuckte es spöttisch.

„Wieso?“ fragte der Professor erstaunt.