„Seht ihr nicht die weiße Gestalt?“
Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien näher zu kommen und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie ganz die spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das Gespenst losschritt. Plötzlich tönte ein schallendes Gelächter durch die Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt gestellt hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.
„Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und sehen Sie es sich an!“ rief er laut.
Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu gleicher Zeit, daß sie ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weiße Gestalt war ein heller Stein, ein großer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend schimmerte.
„Von weitem konnte man den Stein ganz gut für eine Gestalt halten,“ meinte Leo, welcher bemerkt hatte, daß Ilse dem Weinen nahe war und sie entschuldigen wollte.
„Na, Gontrau,“ rief Onkel Heinz, „nun fängst du wohl auch noch an, an Gespenster zu glauben?“
Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.
Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung fast teuflisch! Ja, Blößen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. Aber Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo Ilse sie ausüben konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, um etwas sagen zu können; sie wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.
Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten den Fahrweg und waren nun auf der Höhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete tief, der frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, zwischen deren Stämmen man allerlei vermuten konnte. [pg 46]Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag breit auf dem steinigen Wege und auf den niedrigen Föhren, zu deren Füßen unter Steingeröll ein flinkes Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als hätte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn unwillkürlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird nicht fortwährend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.