Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und rief den andern zu: „Menschliche Wohnung in Sicht!“ indem er dabei auf einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebäudes erkennen, das wohl das Försterhaus war, an welchem sie vorbeikommen mußten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten majestätisch darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters [pg 42]das den Wald abschloß, fiel mit dumpfem Tone zurück, und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem Garten, der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte etwas wie Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoß waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die Försterfamilie saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weiße fiel ein heller Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wänden, sie lachte aus den freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen und umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draußenstehenden tat es leid, dieses harmonische Bild zu stören, sie rührten sich kaum und betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die Hunde im Zimmer unruhig, der Förster erhob sich, kam zur Türe heraus und nahm die späten Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten. Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig vor ihm standen.

„Das nenne ich aber Mut,“ sagte er zu ihnen. „Ein bißchen Schnee wird’s da oben wohl noch geben.“

„Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,“ erwiderte Ilse lustig und warf ihren Rucksack auf den Stuhl.

„Kann man hier einen guten Kognak haben?“ fragte Onkel Heinz und ließ sich in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn ächzten.

„Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften wünschen etwas zu genießen,“ rief er hinaus.

Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr her, aber diese blieben neugierig an der Türe stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit den kleinen, krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hühnerhund mit den herabhängenden Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen Augenblick innehielt, stieß er sie mit der Schnauze an.

Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drängten zum Aufbruche. Sie hatten mit dem Förster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben wollte, eingehend den Weg besprochen.

Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den dunklen Tannenwipfeln über ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, silber[pg 44]glänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt verließen sie die Landstraße, die sich als heller Streifen durch die Wiese vor ihnen herschlängelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der steinig und mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von ihnen.

Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hände sich oftmals krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den Wald für furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, sie hören, wo nichts zu hören ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken.

„Da, da!“ rief sie und zeigte entsetzt nach oben.