„Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wären wir weit näher gegangen,“ sagte er dann zu Leo.

Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner Behauptung. Schließlich wurde die [pg 53]Generalstabskarte herausgeholt, und die drei Männerköpfe beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, daß er unrecht hatte.

„Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,“ sagte er.

„Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,“ entgegnete Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend: „Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.“

„Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht maßgebend,“ entgegnete der Professor in unerschütterlicher Streitsucht.

Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war voll und lief über. Alle Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut. Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der jede Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, ihn alten wunderlichen Junggesellen in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie hätte sich dies schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. „Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,“ schloß sie ihre Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn sie lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern [pg 54]zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.

„Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet sind, denn so machen es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten,“ versuchte Althoff zu scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in sich versunken ging er weiter.

Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten Laube hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden erglänzte unter dem schimmernden Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine weite, grüne Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten zwischen Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Tränen zu lächeln.

Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, der in die Dorfstraße einmündete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die Höhe zog. Unter den Tränen, die hier noch in den Augen erglänzten, gab es kein Lächeln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am Himmel in letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des großen Feuers gewesen, dem zwanzig Häuser [pg 55]zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem es noch hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war fast alles, was den Ärmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden können, ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten und Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glücklicherweise war kein Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus.

Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie und ein beschämendes Gefühl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die Nacht in Lust und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender Weise hauste. Das trübe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrücke der letzten Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und übernächtig aus, im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder in hellster Aufregung gewesen war.