Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte, erzählte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib mit dem brennenden Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, daß es durch Kinder entstanden wäre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen und munkelten, daß es „angesteckt“ sein müsse. So meinte auch der Wirt, der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen und sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber plötzlich verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung würde es ja herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der Wirt seine Rede.

Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und Gontrau besichtigten die Brandstätte mit dem Pastor zusammen, Nellie und Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte zu ihnen, die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, denn auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene nicht wieder bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war die Frage, [pg 57]die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der Waisenkinder stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht viel Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert veranstalten, das war schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt hartnäckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb keine Beachtung. Die Vorschläge wurden nochmals überlegt und geprüft, bei dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den Einfall kam: eine Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zündend, besonders auf Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.

„Ein famoser Gedanke!“ rief sie ein über das andre Mal, und auch die übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spöttisches Zucken um die Mundwinkel Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das mußte ziehen. Sicher würde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater gern überlassen, meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr er[pg 58]warten, bis die Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natürlich auch sofort erörtert wurde, „welches Stück?“ Das war gar nicht so einfach, denn was für Schauspieler gut und passend war, brauchte für Dilettanten noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu überlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne daß sie zum Schluß kamen.

„Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das Dilettanten spielen könnten?“ fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die Telegraphenstangen zu zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen hinaus.

Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel hatte der Professor nie viel übrig gehabt.

„Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben,“ war die scharf betonte Antwort.

Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort übel zu nehmen. Er lachte darüber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor einen Blick zusandte, der sehr beredt war. –

Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des milden Lichtes hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das [pg 59]letzte Erlebnis. Es war doch herrlich gewesen, draußen zu wandern im Mondenscheine, der heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die über der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen ließ. Matt lag er auf den Schieferdächern, auf den hellen Hauswänden und den grauen Straßen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen Schimmer.

Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße an der Straße, die nach seinem Hause führte. Einsam verhallten seine Schritte durch die stille Nacht.

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