Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Nötigste besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden. Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek in das Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu wählen. Nachmittags kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu verwandt, bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. Und wen die Sache noch aufs höchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater wollten Theater spielen, darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor Aufregung nicht einschlafen können, und die nächsten Tage wurde nichts anderes gespielt als Theater. [pg 60]Leo hatte schließlich verboten, sie wieder mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine Zeitlang, bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich wieder aufs lebhafteste, sie horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern sprachen. Das glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren großen, blauen Augen verständnislos an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die ihr gehörten, auf, und wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Tränen, Streit und ein Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluß.

Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei Einakter entschieden: „die Jugendliebe“ von Wilbrandt, „das erste Mittagessen“ von Görlitz und „die Hochzeitsreise“ von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, doch jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu sorgen war, nämlich: die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kämpfen ist, kann nur derjenige nachfühlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung zustandegebracht hat.

Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie erstere glaubte, brauchte man nur an die Türen zu klopfen, um gefällige Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für einen so guten Zweck herzugeben.

Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – zu zweien geht so etwas viel besser – eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Künstlerinnen zusammen zu holen.

Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch über die kleinlichen, engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.

„Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!“ Das war fast in allen Häusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob von den höheren Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses Blut in Wallung.

„Nein, meine Liebe,“ sagte z. B. Frau So und So, „das können Sie nicht von meinen Töchtern verlangen, sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.“

„Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brötchen herum,“ gab Ilse zur Antwort. „Haben sie sich denn da nicht auch der öffentlichen Kritik ausgesetzt?“

„Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres.“

Inwiefern das „etwas andres“ war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz einer längeren Erklärung der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.