Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht, daß sie sich auf einer öffentlichen Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre Schneiderin könnten ja nachher sagen: „Gnädige Frau, was haben Sie aber schön gespielt!“
„O,“ erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten Schelmengesicht, das sie stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, „Sie brauchten sich doch darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.“
„Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir überhaupt an dem Urteile solcher Leute etwas liegt?“ erwiderte die junge Frau pikiert. „Ich will mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen.“
„Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch keine Schande, ihr Urteil anzuhören,“ sagte Ilse, innerlich empört über solche Anschauungen.
Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darüber dächte sie nun einmal anders.
Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden.
„O, was ist sie verrückt,“ sagte Nellie laut lachend, als sie auf der Straße standen, aber Ilse war schon ganz kleinmütig geworden und wollte die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln und würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den Gedanken an eine Aufführung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten sie das Werk begonnen. Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.
„O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, darling,“ tröstete sie.
Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glück; ja die Idee wurde sogar mit großer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas für die armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel berichtet hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in den Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, „ein älteres junges Mädchen“ zu werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch älteren Schwestern und ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jüngste und wurde „das Kind“ genannt. „Das Kind“ hatte eine schöngeistig angelegte [pg 64]Natur, sie dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse für das Theater, selbst – „mit vielem Talent“, wie die Schwestern einschalteten, – schon oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen.
„Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, Fräulein Born,“ sagte Ilse mit einem herzlichen Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr, bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.