„Das alte Fräulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben,“ sagte Ilse draußen zu Nellie, während das „alte Fräulein“ drinnen bereits mit der jungen Frau in der „Hochzeitsreise“ liebäugelte und die Schwestern sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe könnte sie auch noch sehr gut spielen, sie hätte sogar das richtige Temperament dazu.
Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze zappeln würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der „tauben Tante“ nahte.
Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts dagegen, und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit großer Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen, ein frisches Mädchen, die gewiß gern eine Rolle übernehmen würde.
Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da [pg 65]die Rollen so ziemlich besetzt waren. Für die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging es viel einfacher, als bei den Damen. Ein „Ja“ oder „Nein“, und die Sache war abgemacht.
Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen ihren Männern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses Begeisterung, die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die Idee mit ihren Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen könnten, gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen nicht so schön und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mußte ihr immer wieder Mut einsprechen. Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und Requisitenmeister.
Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich?
Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die „taube Tante“ in der „Jugendliebe“ wurde mit Entrüstung von Fräulein Born zurückgewiesen, und die beiden Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als ihrer Freundin, die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende Backfischrolle der Adelheid in der „Jugendliebe“ gegeben wurde.
„Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?“ sagte Erna, die älteste Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die Rolle der sanften [pg 66]„Betty“ in der „Jugendliebe“ passe ihr auch nicht recht und wäre doch zu kurz.
Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache etwas in Gang.