„Ja, meine Damen,“ hatte er gesagt, „wenn Sie sich nicht in die Rolle fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts. Wir müssen vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht blamieren.“
Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im „ersten Mittagessen“ geben, Nellie die in der „Hochzeitsreise“; die beiden Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer Kritiker sein.
Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos öffnete sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo, der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.
„Was gibt’s denn schon wieder?“ fragte er ärgerlich über die Störung.
„Da, hier lies,“ rief Ilse. „Fräulein Born will die taube Tante nicht spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche nicht, daß sie als Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie später [pg 67]wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe, könnte das zu Mißverständnissen führen. Was sollen wir nun tun? Es wird ja nichts, es wird sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,“ jammerte sie.
Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo, Ilse zu trösten und zu beruhigen, bis sie schließlich auf dem Standpunkt der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte, denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, die Menschen auch mal bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.
Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.
„Herrlich, herrlich,“ rief Leo, „und wie wäre es, wenn wir Fräulein Born als Köder den Prolog gäben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?“
„O, das tut sie, das tut sie gewiß!“ meinte Nellie.
„Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, wer wird das übernehmen?“ fragte Leo.