Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es auch leider noch nicht vor dem Altare war – und erklärte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, die „taube Tante“ mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit tröstete sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung von ihr, die Rolle einer Alten zu spielen, und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen.
Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.
Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt durch solche Vorbereitungen versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend beschäftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Daß sie die Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte eine große Angst, ob alles gut gehen würde.
Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause [pg 70]gewesen, heute sollte nun die erste auf der Bühne stattfinden.
„Mutter, laß mich mitgehen,“ bettelte Ruth mit glänzenden Augen, aber Ilse wies ihre Bitte zurück. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur Generalprobe vertröstet.
Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. –
Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte fast keiner der Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert. Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielköpfige Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen überzogenen Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen lehnte. Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich nach dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu sehen war. Wie bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich untereinander die Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal [pg 71]selbst stehen sollten, um vor den neugierigen Blicken der großen Menge draußen zu erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse der Bühne zulenkte – das waren nun also die Bretter, welche die Welt bedeuten! Neugierig wurde die Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern, öde, geschäftsmäßig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in acht nehmen, nicht über Geräte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine, ließ es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklärte den Schnürboden, stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten. Aber trotz mancher Enttäuschung über das „hinter den Kulissen“ blieb doch die Wirkung des gewissen „Etwas“, was man Theaterluft nennt, nicht aus, die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen Zügen ein; Fräulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen Augen sah sie in das leere Haus!
Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mußte erst befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten und Direktor Althoff [pg 72]saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch leuchteten die weißen Gesichter in der Dunkelheit.
Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das „Kind“ überkam ein leises Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertönte und sie nun sprechen mußte. Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.
„Lauter, lauter,“ rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertönte im gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den hintersten Reihen des Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen: