„Lassen Sie nur, Sie können gehen,“ sagte das [pg 93]Kind, mit hoheitsvoller Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draußen war, einen widerlichen, unverschämten Menschen.

Die „Jugendliebe“ wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und auch die Umarmungsszene geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt und ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und die „taube Tante“ hörte es mit Genugtuung an, wie man über ihre Schwerhörigkeit lachte.

Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende war, und als Erika auf der Bühne erschien, flog ein wundervoller Strauß, ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke konnte man doch bemerken, wie tief sie errötete.

„Von wem, von wem?“ rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen steckte, und auf welcher nur die Worte standen: „Der reizenden Adelheid“, so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und zu bewundern. Er wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen bereits an, ihre Glöckchen zu senken, als sich so viele Nasen darüber beugten. Dieser Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika mußte viel mit anhören. Sie wußte ja natürlich, von [pg 94]„wem“ diese Blumenspende kam, sie wollte es nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.

Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe ein junges Mädchen eigentlich gar nicht annehmen, sie fände es wenigstens nicht schicklich und würde es sicher nicht tun.

Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute, sie wünschte schon, sie hätte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie möge sich nur ja darüber freuen, die andern wären alle nur neidisch auf sie.

„Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der Erika; sie hat eben doch ein etwas leichtes Wesen,“ sagte das Kind später zu den Schwestern, und die hübsche Erika wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt. Der Refrain lautete immer: „Es ist schade um das hübsche Mädchen!“

Als Ilse im „ersten Mittagessen“ in ihrer Dienstmädchenrolle erschien, erklang plötzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus. Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und sich gar nicht darüber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Ärmel zupfte und zur Ruhe verwies.

Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der wirklichen Komik, die Ilse in ihrem [pg 95]Spiel entfaltete; sie wurde sogar einige Male bei offener Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse Dreistigkeit über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr, wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte sich schon ganz heimisch auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem Publikum – natürlich nur die guten – und besahen neugierig sich das bunte Treiben.

„Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,“ sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte, aber zu einem wahren Genuß nicht gekommen war.