Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen zum Beginn ertönte und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.

Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht hat, kann die allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum ersten Male hebt, nachfühlen!

Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertönte; voll Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände und Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder weniger ergriffen hatte.

Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein Flügelschlag, – der Vorhang ging in die Höhe.

Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten der Bühne hatte, war demjenigen sehr ähnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den Marterstuhl eines Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das vielköpfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flüstern über die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme wurde [pg 92]lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorüber.

„Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,“ kritisierte Leo hinter den Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf, und wie Sphärenmusik klang das laute Händeklatschen an das Ohr des „Kindes“, als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich wieder heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer kann die Wonne eines solchen Augenblicks beschreiben!

Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die tief Bewegte, während die andre schon wieder den bewußten Labetrank bereit hielt.

„Schnell, schnell umkleiden,“ rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich wirklich wie eine große Künstlerin vor, als an allen Ecken und Enden helfende Hände bereit waren, die Muse in die „taube Tante“ umzuwandeln. Hinein mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur tänzelte um sie herum, und unter seinen flinken Händen entstand ein würdiges Matronenantlitz.

„Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,“ sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn.

„Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst zu viel,“ erwiderte der gelockte Jüngling und besah prüfend sein Werk, hier und da noch einen kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend.