Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie lächelte ihrem Spiegelbilde wohlgefällig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten fortwährend, wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder die weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trägerin verschoben.

Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor sich gegangen. Die blonde Perücke, die Schminke und das griechische Gewand hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für die übrigen hatte die aufgeregte Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die Wange.

„Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schön von Ihnen abstechen!“

Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue Kleid der „tauben Tante“, das schlaff und dunkel an der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war eigentlich zu ärgerlich.

Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen, deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst, jetzt mußten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein prüfender Blick in den Spiegel.

„Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – noch eine Haarnadel – schnell – hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?“

Annas Hände flogen, während die andre Schwester mit dem roten Stärkungstranke bereit stand. „Nur einen Schluck,“ drängte sie und hielt der Muse das volle Weinglas an die Lippen.

„Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,“ gebot das Kind, – dann rauschte es hinaus.

Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bühne versammelt. Man drängte sich an die kleinen Löcher im Vorhang, um ins Publikum sehen zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch strömte es noch fortwährend herein. In der ersten Reihe saßen die beiden Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll auf den bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen mochte; denn während der Generalprobe hatte sie einen Blick in die Kulissen tun dürfen – o, das war eine Wonne gewesen!

Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders laute Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen tönten einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine Instrumente stimmte.