Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich in aller Eile gekommen und hatte sich von Ruth erzählen lassen, denn er selbst war natürlich nicht im Theater gewesen. Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich strenge, die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. „Es muß und soll etwas Tüchtiges aus dem Jungen werden,“ sagte Rosi zu Tante Emilie; „wenn Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand nehmen.“
Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem Kopfnicken begleitet und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten über Kindererziehung zum besten, die in der Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in der Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben würden. Aber für Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz und gar nicht? „Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten nicht eingehst,“ hätte man ihr zur Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse fühlte er sich so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten Jungen und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Mädchen erregte stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder [pg 99]besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt, und zwischen den beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind, Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch.
Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung über das Theaterspielen an. Ach, das mußte doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch hätte sehen können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, daß selbst Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte, und dann berichtete sie, welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt hätten. Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter.
Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz solchen „Mummenschanz“, wie er es nannte, nicht ansehen würde, hatte sie wohl gewußt, aber auffallend war es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er noch böse? Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken können, aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles stand wieder deutlich vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen übrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: „er brummte wohl mal wieder!“
„Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind,“ sagte Ilse später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach und auch er die Meinung äußerte, daß der Professor zürne.
„Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen mit der Zeit abgewöhnen,“ erwiderte er seufzend, aber die glücklichen Augen, mit denen er seine Frau ansah, straften ihn Lügen.
„Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen, beklagen sich am meisten,“ gab Ilse zurück, die selten um eine Antwort verlegen war. „Eine Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher doch ganz anders geworden, nicht wahr?“
Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, daß sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil sie sich des einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran erinnern ließ.
Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief sich alles wieder ins Gedächtnis zurück, was er gesagt und was sie erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: „Warum mußte er sie auch immer so reizen!“
Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die nötige Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn dort sofort auf.