Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und mußte sich noch sehr schonen, [pg 101]so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend heimkehrte.
Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz von freundschaftlichster Teilnahme erfüllt und malte sich das Bild des einsamen, kranken Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte er auch nicht zu ihnen geschickt!
„Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und doch könnte einer sterben und verderben, ohne daß man etwas davon merkt!“ rief sie mit Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen, als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer leidenschaftlichen Art fragte fortwährend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz nicht am Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen.
Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen und fragen, ob sie den Professor besuchen dürfe.
Mit einem „Nein“ kam ihr Mann zurück und erzählte, daß sich der Professor durch Ilse tief gekränkt fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche wissen wolle. Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth, deren lebhaften Fragen, „warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle,“ sie mit der Antwort auswich, daß er sich noch zu krank dazu fühle.
„Ich will den lieben kranken Onkel sehen,“ sagte auch Marianne, und Ilse hatte Not, die betrübten Kleinen wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt empfand sie so recht, [pg 102]wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn nächst ihren Eltern am meisten liebten.
Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen, einen Brief hoch in der Luft schwenkend.
„Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – wir sollen ihn besuchen – heute – in der Klinik – an mich ist der Brief,“ kam es in hastig abgebrochenen Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller Freude.
Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit Mutter und Schwester erwarten würde.
Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte, ihre Heldentat zu erzählen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.