„Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbüchse gegeben. Ist das wohl zu viel?“ fragte sie lebhaft.
Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige Tat und erzählte immer wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand hätte ihr geholfen, sie wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den Brief gegeben.
„Willst du ihn mal lesen?“ fragte sie dann plötzlich, und ohne eine Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen.
„Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,“ dachte Ilse voll Rührung. Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und Hassen war sie gleich stark. Für Onkel Heinz, den sie liebte, würde sie alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen die sie sich geradezu unliebenswürdig zeigte.
Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurück, auf welcher der Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaßen lautete:
„Lieber Onkel Heinz!
„Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben wördest du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern aufs Knie gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der Klinick besuchen und heute mußte eine in unser Schule nach bleiben die hat aber gebrült. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig gegeben für den weg.
Es grüst Dich
Deine libe Ruth.“
Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können; Ruth war nun einmal sein erklärter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen Mädchens, sie war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel Heinz.