Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief sie durch alle Zimmer, singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie einen großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. Jubelnd brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie eben gefangen und in eine leere Streichholzschachtel auf zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.
„Da wird er sich drüber freuen,“ meinte sie strahlend. Welches Opfer aber auch für ein Kind, den ersten Maikäfer zu verschenken, den es so eifrig gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat!
Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Älteste hatte unterwegs in einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da viele kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles; ihr Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse mußte sie schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Türe standen und die Glocke gezogen hatten.
Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barm[pg 105]herzige Schwester, die ihnen öffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wünschen fragte.
Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß Ilse gleich hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und die Schwester mit dem milden Gesicht unter dem weißen Häubchen führte sie deshalb ohne weitere Anmeldung die Treppe hinauf.
Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Läufern. Geheimnisvoll still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an Zimmer, und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, der störend nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche Sauberkeit herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern standen blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der Schwestern –, die dem Ganzen etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen.
Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die Schwester, und nach einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurück, daß der Herr Professor bitten ließe einzutreten.
Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit großen Augen musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt war, wurde sie zaghaft und scheu.
Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem Krankenstuhle saß, eingehüllt in warme Decken, mit dem Aussehen von jemand, der schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem alten Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu jedem Spaße bereit war.
Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah, besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flüchtigen Händedruck begrüßt und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann wandte er sich wieder an Ruth, welche zögernd stehen geblieben war und ihn betrachtete.