Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu übermütig umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, sie zu bändigen. Um neun Uhr wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quälen zu Bett geschickt, ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken um die Wette durch die abendliche Stille.
Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.
„Gerne, gerne,“ riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn Werner.
„O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen,“ erwiderte Flora. „August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich müde. [pg 139]Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht wahr?“ wandte sie sich an die beiden.
„Selbstverständlich,“ gaben sie zur Antwort.
„Na, dann schlafen Sie recht gut,“ sagte der Hausherr und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte. „Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt es meine Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Träume! Gute Nacht, Frau,“ sagte er dann freundlich zu Flora. „Vergiß nicht, morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.“
„Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,“ entgegnete Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.
Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies verhallt waren, hörte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.
„Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint; das meint er gar nicht so,“ fing Flora auf einmal ohne äußeren Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie [pg 140]deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen Mannes und so lieber Kinder sein könne.
„Ja, ja, das bin ich auch,“ erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken, vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.