„Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,“ sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hände drückend, und fuhr dann fort: „Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen geändert, denn ich sah ein, daß ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle Welt paßte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefühlen. Durch den Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und Vorwürfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück zum zweiten Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann und hat auch nur Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und habe ihm häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde und schlief dabei ein. Aber da habe ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.“

„Bravo, bravo!“ rief Ilse; so vernünftig hatte sie Flora noch niemals sprechen hören.

„Und wie ist es mit Käthe?“ fragte Nellie.

„O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie über alles.“

„Wie schön für dich,“ sagte Nellie.

„Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, sie war so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen, doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.“

Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl viele heiße Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.

„Nun, und Orla?“ fragte sie plötzlich. „Was habt ihr von der gehört? Bis in meine ländliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich nach etwas Höherem.“

Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun, diesen Spaß konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und blieb.

„O, Orla, der geht es ausgezeichnet!“ rief Ilse. „Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer einflußreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden [pg 142]ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da kannst du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.“