„Ein Leben im großen Stile!“ sagte Flora, wie zu sich selbst. „Davon habe ich auch oft geträumt! Natürlich Dienerschaft in Menge?“
„Jedenfalls,“ lachte Ilse; „darüber schreibt sie aber nichts. Du weißt ja, das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder in ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und Gelehrte verkehren bei ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie eine gefeierte Frau ist, – klug, schön, reich.“
„Ja, ihr ist es geglückt,“ sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. „Sie lebt in der großen Welt, wird bewundert, gilt etwas, während andre in der Einsamkeit verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich auch als Nihilistin eine Rolle?“
„Warum nicht?“ meinte Ilse, „zuzutrauen wäre es ihr schon, das Zeug hätte sie dazu.“
„O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – Orla eine Nihilistin!“ warf hier Nellie ein.
„Aber ich bitte dich,“ sagte Flora, „unmöglich ist es doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt würde.“
„O, o!“ rief Nellie entsetzt, „deine Phantasie geht mit dir durch, Flora. Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen anfangen!“
„Wie viel Kinder hat sie eigentlich?“ fragte Flora; „in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar nichts.“
„Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage ich dir,“ antwortete Ilse.
„O, süß!“ schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger Schatten überflog ihr Gesicht. „Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen.“