„Heute abend noch, bitte, heute abend noch,“ bettelte Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz unterdrücken konnte. Aber schneller als früher kam sie darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, daß diese als Schauplatz die große geräuschvolle Welt hatte, während der ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! –
Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saßen noch immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie wollte auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blätterwerk mischte sich in den Klang der Stimmen; es ließ das Licht im Windleuchter, der auf der bunten [pg 144]Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme nach den herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand das anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde. Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! –
Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! Wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal geöffnet waren, konnten sie kein Ende finden. – Der würdigen Frau Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes wurde nicht über sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz gerühmt.
Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen großen Korb voll frisch gepflückter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es [pg 145]ihr plötzlich ein, daß ihre Gäste gewiß von der Reise müde sein würden, und es wurde beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.
Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschläferinnen. –
Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie das Nest leer, aber aus dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –
Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem Erscheinen der beiden schüttelte er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, herbeigelaufen, und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.
„O, was magst du von uns denken,“ entschuldigte Nellie, und Ilse meinte: „Dein Mann wird sich schön über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!“
Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee, er wäre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen zugegen zu sein.
„Nun, stimmt die Milchrechnung?“ fragte Nellie lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche Lektüre bei der ehemaligen Dichterin!