„Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch tun,“ sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhören glaubte. „Poesie und Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande.“

„O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,“ antwortete Ilse.

„Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in freier, natürlicher Umgebung aufwachsen,“ fuhr Flora fort; „es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt. Thusnelda“ – sie sprach den Namen immer mit der Betonung einer Klara Ziegler aus – „ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung, ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, über den Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den grünen Wald.“

Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch nur wünschen, daß er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter „erblich belastet“ sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.

„Ja, aber wo ist denn Ruth?“ fragte Ilse plötzlich, sich nach allen Seiten umsehend.

In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und [pg 147]lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern zusammen hoch oben in dem weichen duftenden Neste, fröhlich singend, wie eine Lerche in der Morgenfrühe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderücken setzte.

Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde ihr ein Spiegel vorgehalten und sie sähe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue Wendung nahm, – kleine Ursachen, große Wirkungen!

Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen geworden, während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so daß man sie in „temperamentvoll, eigenartig und willensstark“ übersetzen konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite ihr eine große Zukunft. –

Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre Mutter unter stürmischen Küssen. Sprudelnd und sich überhastend erzählte [pg 148]sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte sie sich schnell angezogen, ganz allein. „O, ganz ordentlich,“ versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: „Himmlisch war’s!“

„Wo ist dein Mann geblieben?“ fragte Nellie und sah suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.