„Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun stärke und erhole dich erst,“ versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.
O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen immer von neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß aus der oft verlachten und verspotteten „Dichterin“ eine vernünftige Frau werden könnte, denn soweit es Floras Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer könnte auch seine innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit war nun einmal der Grundzug von Floras Charakter. –
Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den großen und kleinen Gästen herrlich. Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, Abendspaziergänge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, denen der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und auch diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren [pg 151]lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.
„Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,“ sagte er, als eines Tages wieder die Rede darauf kam.
Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, das konnte man merken.
„Aber, August,“ widersprach sie ihm, „eine Frau kann sich für alles Schöne und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter doch nicht zu versäumen.“
„Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken und gut kochen können, das ist die Hauptsache.“
Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Über diesen Punkt würden sie sich ja doch nicht einigen.
Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, daß sie in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach auch die Angst und Sorge um ihn etwas verringerte. Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin mit allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so stunden[pg 152]lang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig, und konnte mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen werden.
Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte ihn damit, daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fühle, und wie angenehm es sei, einmal nicht am Gängelbande geführt zu werden. Dann kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und Treiben ihrer Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er natürlich eine passende Antwort von Ilse. Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens erschien das kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten. Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. –