Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt [pg 153]einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen müsse, und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten, was sie natürlich von Herzen gern taten.
So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch und andre stärkende Sachen wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.
„Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals kann ich den Armen genug geben,“ sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße schritt.
Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht, der wie ein erfrischendes Bad für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne spiegelte sich in den vielen großen und kleinen Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg schreiten und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig in die Höhe nahmen.
Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu sehen, sie blieb bald hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von jedem einzelnen die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete sie völlig verständnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden Ausdrücke bediente. Doch, das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und Nellie [pg 154]bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Früchte.
Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten Bauernstuben eintraten, flog es wie ein heller Schein über die Gesichter der alten Weiblein und Männlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den jungen Müttern erkundigte sich Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehärtet werden, im zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr die Bauernfrauen verständnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm gutmütig anlachten, und alles blieb beim alten.
Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges Haus, in welchem die junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglückt war und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen hatte. Hier in dieser armseligen Hütte traten jetzt die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige [pg 155]Türe zu dem Raume öffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon zurück.
„Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,“ sagte Flora freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, zerbrochenes Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche Dinge umherlagen.
„Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gäste habe; aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht wahr? Na, und wie geht’s denn heute, Frau Tolle?“ fragte Flora, indem sie sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete.
Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht war eine flüchtige Röte gegangen, die es merkwürdig verschönte, als sie den fremden Besuch gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft und kannte sie so gut, die war ihr keine Fremde.