„Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? In Indien gibt es wahrscheinlich so etwas nicht?“ erkundigte sie sich.
„Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so würde dieser doch der schönste für mich sein,“ antwortete er mit Nachdruck.
„So, und warum denn?“
Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich gänzlich ohne Arg über die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten. Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie sehr ins Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber daß er etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im höchsten Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete: „Weil Sie hier sind!“ und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte: „Haben Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?“
Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, verlegen stand sie auf und wünschte zu den Ihrigen geführt zu werden.
„Haben Sie mich denn nicht gern?“ wiederholte er eindringlich seine vorige Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: „O ja, doch, natürlich.“
Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten rasch voraus.
Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre Hand und drückte sie zärtlich an seine Lippen. Während aber die Schwester und die Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom heutigen Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund tönte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe? Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem „Ja“ antworten; sie hatte ihn ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann, ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich mit ihm prächtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher Zuneigung für ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine Liebeserklärung ganz anders lautete, – wie sollte er überhaupt dazu kommen, ihr einen Antrag zu machen? Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte. [pg 186]Mit diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald vollständig beruhigt ein in dem festen Glauben, daß Herr Jansen nur eine freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.
Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehört hatten zu schwatzen, noch lange wach. Selige, beglückende Gedanken verursachten ihr Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter spann sie ihre Träume, die ihr eine unbeschreiblich schöne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender Schein auf dem holden Mädchenantlitz.
So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre Hoffnung auf ihn. Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte, wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche Gefühle hegen möchte. –