Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzählt wurde, schalt er seine Aufwärterin ein über das andre Mal aus, und als sie fort war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er einen Stuhl anders, dann rückte er die Bilder, die schief an der Wand hingen, zurecht, sortierte die unzähligen Papiere, die zerstreut und bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papier[pg 187]korb und legte das übrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf er einer gründlichen Besichtigung, deren er wahrlich nötig genug bedurfte. Seiner Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort entgegengedonnert: „Auf dem Schreibtische ein für allemal nichts anrühren!“ was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Männer hinreichend. Deshalb ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer in Ruhe, und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen war, konnte ihn also eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und Schriften, daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe flogen, schüttelte den Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefüllt war, in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in die Hand und betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren fast undurchsichtig, er wischte sie mit seinem Ärmel ab und stellte sie dann wieder an seinen Platz zurück. Schließlich ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstöbern verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, [pg 188]die seinen Pelz nicht gerade in die günstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.

Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu finden hoffte, so hatte er sich getäuscht.

Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er in den Flur trat, ging vorsichtig die Türe auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.

„Onkel Heinz,“ rief sie leise, „bitte, bitte, komm erst zu mir herein.“

Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn geschehen sei.

Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.

„Was ist denn nur los?“ fragte er nochmals, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem Professor.

„Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der eben für mich abgegeben worden ist,“ sagte sie mit bebender Stimme und fuhr dann leidenschaftlich fort: „Aber siehst du, ich kann ganz gewiß nichts dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß ich ihn gern hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr, Onkel Heinz?“