„Ich machte dir ja selbst diesen Vorschlag, Flora,“ entgegnete ihr Mann ruhig, „aber du sagtest, dann müßte eine Person allein fahren, weil nur zweisitzige Schlitten bestellt wären. Das sah ich ein, und um dir das Vergnügen [pg 161]nicht zu verderben, fahre ich mit. Nun ist die Sache wohl abgetan, ich bitte darum.“
Es war ihm offenbar unangenehm, daß Flora erzählte, was zwischen ihnen vorgefallen war, aber er bezwang seinen Unmut und nur die tiefe Falte zwischen seinen starken Brauen und der bestimmte Ton, mit welchem er sprach, verrieten, daß er sich ärgerte.
Flora bemerkte und empfand es nicht, sie hatte nur den einen Gedanken und der war – die Schlittenpartie! Sie stürzte auf Orla zu und umarmte sie auf offener Straße, denn sie wollte immer zeigen, wie ‚intim‘ sie mit ihr war. „Die geistige Verwandtschaft zwischen meiner Freundin und mir,“ hatte sie zu Lüders gesagt, „schlingt ein festes unauflösliches Band um uns.“
Orla, welche überhaupt keine Zärtlichkeiten liebte, wehrte unwillig ab und sagte mit Entschiedenheit: „Ich bitte dich, Flora, laß doch diese Liebesbeweise auf offener Straße, du bereitest vielen Zuschauern nur ein Schauspiel. Sieh doch die Köpfe an den Fenstern.“
In diesem Augenblick trat Althoff mit dem jungen Arzt heran.
„Fräulein Orla, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Doktor Andres vorzustellen. Und hier, Doktor: Fräulein Orla Sassuwitsch, eine liebenswürdige Kollegin in spe.“ Über Orlas Gesicht flog bei diesen Worten eine leichte Röte, und ihre Augen senkten sich zu Boden. Sie ahnte nicht, wie schön sie gerade in diesem Augenblick war, und daß die Blicke des jungen Mannes bewundernd auf ihr ruhten. Eigenartig und vornehm sah die Russin aus. Sie trug ein dunkelgrünes, eng anliegendes Tuchkleid, dessen Saum mit Otterpelz besetzt war. Von gleichem Pelz waren auch der kostbare Schulterkragen, der Muff und das Mützchen, das tief in die Stirn gedrückt war.
„Um Gottes willen. Orla, willst du denn in diesem [pg 162]luftigen Aufzuge fahren?“ fragte Flora, „du hast ja nicht einmal eine Jacke an, du erfrierst ja. Hu!“
Zusammenschauernd wandte sie sich ab.
„O nein, Flora, ängstige dich nicht, ich bin abgehärtet und zog mich in Rußland bei viel strengerer Kälte niemals wärmer an.“
„Na,“ erwiderte Flora, „da bin ich doch zarter besaitet, als du, ich muß mich ordentlich einhüllen, sonst friert mich.“